Her mit den kleinen Textproben. Einen kleinen Eindruck meines frohen Schaffens erhält man nur durch den Blick auf geschriebene Tatsachen.
- Vorsicht vor dem Warnhinweis
- Nordisch durchgewalkt
- Pack & Kloppenburg
- Guten Morgen
- Meine beste Freundin
>> Die vorliegende kleine Auswahl von Kolumnen und Kurzgeschichten sind Beispiele freier Arbeiten. Bei Interesse an einer Zusammenarbeit freue ich mich über eine Nachricht von Verlagen oder auch (Berlin-)Portalen. Alle Rechte sind dem Betreiber dieser Seite vorbehalten.
Vorsicht vor dem Warnhinweis
>> Bis zu 10% der Bevölkerung machen im Laufe ihres Lebens eine schwerwiegende Angsterkrankung durch. Und auch die Bundesregierung tut einiges dafür, um diese Zahl noch zu erhöhen. Ob auf der Zigarettenschachtel oder der Autobahn: wir sind gewarnt. Dabei ist wie immer gut gemeint nicht gut gemacht. Kürzlich auf dem Weg nach Bielefeld las ich die Überschrift: "Wir kümmern uns um den Rest." Einige besorgte Chirurgen beugten sich vom Plakat geradezu über mich. Ich hörte sofort damit auf „Girls just want to have fun“ mitzusingen. Collien Fernandez war auch schon auf einem solchen Plakat zu sehen. Sie zeigte mit einem vieldeutigen Handzeichen, für wie attraktiv sie Raser hält. Für wie attraktiv Raser Collien Fernandez halten, stand nicht auf dem Plakat. Als Frau fühle ich mich zudem wenig angesprochen, denn mein primäres Geschlechtsorgan lässt sich glücklicherweise nicht zwischen Daumen und Zeigefinger messen und hat auch rein gar nichts mit meinem Selbstwertgefühl zu tun. Autounfälle sind eine schlimme Sache, ich hatte selbst auch schon mal einen. Dabei saß ich aber gar nicht auf dem Fahrersitz, sondern im Fond. Ein Warnhinweis hätte mir also in diesem Fall gar nichts genutzt. Trotzdem habe ich auf der Autobahn bisweilen ein mulmiges Gefühl, besonders wenn ich die Plakate sehe, die vor dem Rasen warnen. Ob allerdings Raser dieses mulmige Gefühl teilen, das bezweifle ich. Ich bin mir sogar fast sicher, dass die Anti-Raser-Plakate lediglich Menschen auffallen, die sich Sorgen um den Fahrstil der anderen machen. Die teure Kampagne der Bundesregierung sorgt also dafür, dass umsichtige Fahrer besorgte Fahrer und eventuell auch ängstliche Fahrer werden. Die mittlere Spur bleibt dank Warnhinweis also auch in Zukunft blockiert. Raser jedoch rasen munter weiter. Denn Raser lieben ja das Risiko und die Geschwindigkeit. Und Risiko ohne Lebensgefahr ist wie eine Fernsehleiche ohne Kunstblut. Wenn also Airbags wirklich verhindern würden, dass man bei einem Autounfall schaden nimmt, wären Raser in Zukunft Freeclimber, Bungee Jumper oder Fallschirmspringer. Und als Autofahrer unauffällig. Doch nicht nur die Warnhinweise auf der Autobahn verfehlen haarscharf ihr Ziel, auch bei den Warnhinweisen auf Zigarettenpackungen konnte noch keine Wirkung nachgewiesen werden. Seit ihrer Einführung warte ich darauf, dass ich das Rauchen von alleine einstelle. Das ist leider bisher nicht passiert. Außer schlechter Laune beim Lesen der kreativen Botschaften hat sich bei mir noch keine Besserung eingestellt. Manchmal wache ich nachts auf und freue mich, dass ich noch keinen Brustkrebs habe. Vor Freude schenke ich mir dann ein Glas Rotwein ein und rauche eine Zigarette. Wenn ich sie ausdrücke denke ich regelmäßig: Gerade noch mal gut gegangen. Ich habe auch früher nicht gedacht, dass Rauchen gesund ist. Dass mir jetzt die Folgen des Rauchens bei jeder Schachtel unter die Nase gerieben werden, erinnert mich an die Kirchenbesuche meiner Kindheit. Der Pfarrer auf der Kanzel schilderte in den schlimmsten Farben die Höllenqualen, die Sündern drohten die sich nicht an jedes einzelne der 10 Gebote halten. Ehebrechen, Völlerei, Geiz, Habgier etc. pp. würden ein schlimmes Ende finden, soviel war sicher. Die entsetzte Gemeinde erschauderte, ging nach Hause und frönte dem Ehebrechen, der Völlerei, dem Geiz und dem Alkohol, um sich danach Sorgen zu machen. Große Sorgen. Allergrößte Sorgen. Deshalb möchte ich jetzt noch einmal ausdrücklich vor dem Warnhinweis warnen. Wenn Warnhinweise nutzen würden, dann würden wir schon seit Jahrtausenden in einer Welt ohne Sünde leben. Denn mit den 10 Geboten wurde schon vor über 2000 Jahren ein erster äußerst ernst zu nehmender Warnhinweis verfasst. Sein Scheitern sollte uns zu denken geben und davon überzeugen, dass Warnhinweise gar nichts nutzen. Deshalb: Vorsicht vor dem Warnhinweis. Ach, und einen guten Vorschlag hab ich auch noch im Ärmel. Liebe Bundesregierung, wenn Sie unbedingt einen erklecklichen Etat für die Vermeidung von Raserei ausgeben möchten, dann überweisen Sie ihn mir. Auf meinen Plakaten wäre zu lesen: Entspannte Reise, frohe Ankunft. Denn die Gehirnforschung weiß schon längst, das Gehirn kann „Nein“ nicht als Botschaft verarbeiten. Sie merken das, wenn Sie schon mal versucht haben sollte, keine Schokolade zu essen. Keine Schokolade versteht das Gehirn nicht. Wenn ich an keine Schokolade denke, denke ich nur Schokolade. Deshalb funktioniert nur: Ich esse gerne Äpfel. Auf das Fahrverhalten übertragen: Ich fahre gerne entspannt. Allzeit gute Fahrt!
Chio Schuhmacher
Nordisch durchgewalkt
>> Es geht das Gerücht, die Sportart
Nordic Walking wäre von der finnischen Ski-Industrie erfunden worden,
die ihre Produktion im Sommer nicht einstellen wollte. Hätten sie
es doch getan, möchte man heute flehen. Wären sie doch in
Urlaub geblieben, hätten sie diese kleine Baisse doch ertragen
wie ein Mann oder seine Frau. Aber nein, ein paar Findige in der Marketing-Abteilung
haben sich gedacht: Wir können etwas tun. Wenn schon nicht die
Weltherrschaft an uns reißen, so doch Wald und Feld besiedeln,
mit Wesen wie aus dem Mafo-Labor, Wesen, die einst unauffällig
auf dem Sofa saßen und Bier und Chips in sich reinschaufelten,
oder in der weiblichen Variante bei Kaffee und Kuchen und bei Tante
Herta saßen und sich über die ungestutzte Hecke von Papenmeier
von gegenüber aufregten.
Wesen, die vorher niemals auf die Idee gekommen wären, einen Waldpfad
aufzusuchen. Wesen, die den Trizeps nur von den unkontrollierten Nachbeben
ihres Oberarms beim Winken kannten. All jene, die eigentlich kaum einen
Schritt ohne Geländer gehen können sind nun in Bewegung
und das ist keinesfalls ein Fortschritt.
Wir machen Ihnen ein schlechtes Gewissen, wir sagen ihnen, Bewegung
wäre gesund und wir geben ihrem Gang einen neuen, wenn schon nicht
schicken dann doch irgendwie innovativen Anstrich, denn nur wer ein
Gerät braucht, ist auch ein Sportler, wer aber ein Gerät hat,
hat auch ein Argument, so dachten diese Verschwörer der Marktforschung
und sie sollten Recht bekommen.
Das Klappern der Stöcke wird nur vom Plappern der nordischen Walker
im einst stillen Forst übertönt. Diese beiden Stöcke
scheinen ihnen ein neues, besseres Selbstbewusstsein zu verleihen, das
Bewusstsein: Ich bin nicht allein, ich bin viele und ich kann
niemals stürzen.
Seither sind schon viele kleine Schoßhunde ihrem Stakkato zum
Opfer gefallen, viele frohe Radler gestürzt und viele disziplinierte
Jogger gestrauchelt. Doch leider ist im deutschen Schilderwald noch
kein Verbotsschild mit ihrem Konterfei aufgetaucht. Leider hat sich
noch kein Volkszorn über sie ergossen, kein echter Widerstand formiert.
Hat nicht Gott der Herr in seiner unendlichen Weisheit den Menschen
geschaffen, um stocklos auf zwei Beinen zu gehen? Und warum sollte diese
Fähigkeit nun, über 2000 n. Chr. verloren gegangen sein? Allein
die Propaganda-Maschine weiß Rat und hat zum Verkaufsartikel auch
gleich die Argumente hinzugesellt. Viel gesünder sei es, mit Stöcken
zu hantieren, viel weniger unfallgefährlich, was allerdings nur
den Stöcke-Inhaber meint und keineswegs den harmlosen Passanten.
Zudem würden die Stöcke Winkarm und Hinterteil trainieren,
Waden definieren und den Gang perfektionieren. Inzwischen sind nun auch,
wie könnte es anders sein, eigene Workshops, Fortbildungen und
Trainer hinzugekommen. Denn, man höre und staune, die Stockente
kann auch Fehler machen und die müssen um jeden Preis vermieden
werden, ansonsten warteten unausweichlich Wadenkrampf, Übersäuerung
und Seitenstechen auf den unbedarften am-Stock-Geher. Deshalb lauert
hinter jeder VHS nunmehr ein Stockentenseminar und sportmedizinische
Untersuchungen haben ergeben, dass Herrgott himself bei der Erschaffung
von Knie- und Hüftgelenk einige Fehler unterlaufen sind, die nur
durch, raten Sie, Einsatz von sündteuren Stöcken vermieden
werden können.
Die stockfreie Welt wartet nun auf einen Heilsbringer, der diesem Wahnsinn
Einhalt gebietet, der die gemeine Stockente zur Raison bringt, ihre
Überpopulation bekämpft und andere Tierarten vor ihr schützt.
Es gibt Überlegungen den Bestand durch ein fruchtbarkeitssenkendes
Hormon zu begrenzen. Unabhängige wissenschaftliche Studien legen
jedoch nahe, dass sich die Stockente durch Assimilation fortpflanzt.
Rette sich, wer kann.
Pack & Kloppenburg
Mara fuhr fröhlich
mit ihrer Vespa den Kudamm entlang. Es war zwar schon ziemlich kühl
jetzt, Mitte September, aber mit der Vespa konnte sie überall
dort halten, wo sie einen Blick in ein Geschäft riskieren wollte.
Die Vespa war das perfekte Verkehrsmittel für diesen zugeparktesten
Teil der Stadt.
Sie hielt knatternd vor einem großen Textilkaufhaus und stellte
ihren Roller ab, schloss die Sitzbank auf und verstaute ihren schwarz-gelben
Retro-Helm.
Diese grüne Jacke im Untergeschoss wollte sie sich noch mal anschauen.
Das letzte Mal hatte sie sich nicht dazu durchringen können,
das gute Stück zu kaufen.
Schon von der Rolltreppe
aus sah sie die bunten Teile im Untergeschoss, wo die junge Mode verwahrt
wurde. Sie freute sich schon darauf, in den schönen Stücken
zu wühlen. Nach kurzem Suchen fand sie sogar die grüne Jacke
wieder, die sie im Auge hatte. Es war ein knallgrüner Anorak
mit dunkelblauen Streifen und groben, grünen Reißverschlüssen.
Das konnte sehr gut aussehen im Herbst, wenn man sich mit Mut zur
Farbe gegen das Grau der Stadt wappnet, dachte Mara. Nur die Ärmel
waren leider seid dem letzten Besuch nicht kürzer geworden.
Neben Mara tauchte ein junger Mann auf und sagte: "Ich will vor
den Spiegel."
Mara beachtete den Jungen nur kurz und murmelte: "Ich bin noch
nicht so weit," doch der ließ sich nicht abschütteln.
"Mach Platz," forderte er, "ich muss jetzt auch mal
vor den Spiegel."
Mara blickte jetzt erstaunt in das Gesicht des jungen Mannes: "Wie
wäre es, du suchst dir einen eigenen Spiegel?", fragte sie
knurrend.
"Sehen Sie hier vielleicht noch einen Spiegel?", fragte
der Typ nun schon deutlich lauter und hob die Hände, um Mara
weg zu schieben. Die hatte damit jedoch schon gerechnet und gab dem
Angreifer mit beiden Händen einen Schubs. Der junge Mann taumelte
zwei Schritte zurück.
Im Augenwinkel bemerkte Mara, wie der schmale Verkäufer mit der
Brille, der die ganze Zeit in ihrer Nähe T-Shirts sortiert hatte,
in einem Bekleidungsrondell verschwand. Hinter den Mänteln.
Jetzt fing der junge Mann an zu schreien: "Du dumme Votze, willst
du ein paar aufs Maul oder was, du willst wohl ein paar aufs Maul,
was du dumme Votze?"
Mara hatte vor einigen Jahren im Frauenhaus gearbeitet und bei dieser
Gelegenheit Frauen aus Gewaltsituationen herausgeholt. Sie hatte einige
Jahre Kampfsportarten gelernt, das war bedauerlicherweise aber schon
eine Weile her, wie ihr jetzt einfiel. Trotzdem hielt sie sowohl dem
Blick als auch der feuchten Aussprache des Kerls stand. In den Augen
des Jungen sah sie astreinen Hass bei nicht vorhandener Reizschwelle
gemischt mit etwas Unsicherheit, was von ihr an Widerstand zu erwarten
wäre.
Der junge Mann hatte sich jetzt so richtig in Rage geredet. "Du
fette hässliche Votze, fette hässliche Votze, fette hässliche
Votze," schrie er sie an. Im Mantelrondell wackelte es ein wenig.
Mara überlegte, ob ein schneller Schlag ins Gesicht als pädagogische
Maßnahme gelten konnte.
"Wie wär's, du suchst dir mal selbst einen Spiegel?",
versuchte sie einen humorvollen Vorschlag zu machen.
Dieser Vorschlag kam aber bei dem durchaus als gedrungen zu bezeichnenden
etwa18jährigen nicht gut an. Er krähte weiter wenig fantasievolle
Variationen seiner Beleidigungen und kam bedrohlich auf sie zu. Mara
versenkte sich nun ganz in ihr Spiegelbild und ignorierte den Schreihals.
Tatsächlich entfernte dieser sich nach einigem weiteren Geschrei
vom Tatort. Aus Mänteln und T-Shirt Stapeln tauchten langsam
hagere modisch gekleidete Verkäufer hervor, die sofort geschäftig
etwas zur Seite räumten.
Mara zog seufzend ihren grünen Anorak wieder aus.
Als sie nach einem durchdringenden Blick in Richtung Kaufhauspersonal
die Rolltreppe zum Ausgang suchte, stand auf einmal der junge Mann
wieder vor ihr, neben ihm eine ältere Frau, die ihm auffallend
ähnlich sah.
Mara ging direkt auf die beiden zu: "Sagen Sie mal, ist das Ihr
Sohn?", fragte sie die Frau. Sofort setzte das Geschrei wieder
ein: "Lass meine Mutter in Ruhe, du dreckige Votze, ich knall
dir gleich ein paar."
Die kleine, aschblonde Frau machte einen kleinen Schritt, um sich
schützend zwischen Mara und ihren Sohn zu stellen. Sie hob die
Hände und schaute Mara direkt in die Augen. In diesen Augen sah
Mara das Elend der Welt. Es war das Elend eines unlösbar scheinenden,
ausweglosen Lebens. Das Leid des 21. Jahrhunderts schaute ihr direkt
ins Gesicht. Im Hintergrund keifte die verlorene Jugend der Plattenbausiedlung,
des Hinterhofs und der verschwundenen Väter.
"Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag," sagte Mara.
Die Frau nickte traurig, als Mara sich langsam entfernte.
Guten Morgen
Heute Morgen stand meine Freundin auf dem französischen Balkon
und rauchte. Wir rauchen seit einem Jahr nicht mehr in der Wohnung.
Seitdem ist meine Tastatur quasi brandlochfrei. Sie rief: "Da
liegt einer."
Neugierig trat ich zu ihr. Da lag auch einer. Wie der kafkasche Käfer
lag ein junger, rotblonder Mann auf dem Rücken mitten auf dem
Platz.
Die Passanten gingen langsam an ihm vorbei, ohne sich durch diesen
Anblick weiter verstören zu lassen. Nur wenige verlangsamten
ihren Schritt oder wagten einen verstohlenen Blick.
"Da liegt ja wirklich einer," sagte ich überflüssigerweise
und zündete mir meine erste Morgenzigarette an.
"Tod sieht der nicht aus," urteilte ich.
"Ne, tot nicht," sagte meine Freundin, "aber auch nicht
gesund."
"Ne, gesund auch nicht," antwortete ich.
"Ich ruf mal die Polizei an," sagte ich, "nicht, dass
der uns noch ins Koma fällt."
"Polizei, Berlin," sagte ein Herr, nachdem ich 110 gewählt
hatte.
"Jankowitz, Frankfurter Tor", antwortete ich. "Hier
liegt einer am Frankfurter Tor, auf dem Rücken. Vielleicht möchten
Sie mal eine Streife vorbeischicken?", fragte ich höflich.
"Auf der Straße?", fragte der Polizist.
"Nein, auf dem Bürgersteig," sagte ich.
"Ach so," sagte der Polizist.
"Der sieht nicht mehr ganz nüchtern aus, sagte ich, wer
weiß, was der genommen hat, nicht, dass dem noch der Kreislauf
wegklappt," verdeutlichte ich die Situation.
"Ich schick jemanden vorbei," sagte die Stimme aus dem Hörer.
Zurück auf dem Balkon lag der Mann immer noch auf dem Rücken.
Inzwischen hatte sich ein Anzugträger auf dem Weg zur Arbeit
zu ihm gesellt und telefonierte mit dem Handy.
Da hätte ich mir das Telefonat sparen können, dachte ich.
"Weißt du, das ist gar nicht so lustig. Dieses GHB, dass
die sich heutzutage einwerfen, davon sind schon einige gestorben."
"Hab ich auch schon gehört," sagte meine Freundin.
Der Mann lag immer noch auf dem Rücken. Der Anzugträger
war inzwischen wieder verschwunden. Jetzt rührte sich der Mann
zum ersten Mal, er legte seine Hände auf seine Stirn, vielleicht
war es ihm zu hell. Ist ja auch nicht schön, so mitten im Schlaf
die Sonne im Gesicht zu haben.
"Die könnten auch langsam mal kommen, nicht, dass dem der
Kreislauf wegklappt," sagte ich vermutlich nicht zum ersten Mal.
"Ja, die lassen sich ganz schön Zeit," antwortete Nina.
"Ich glaub ich geh mal runter," sagte ich und dachte an
den Erste-Hilfe-Kurs, den ich leider nie gemacht hatte.
Schnell schlüpfte ich in meine weißen Sneaker und zog mir
ein Hemd an. In unserem Aufzug ist leider ein Spiegel, so dass ich
nicht umhin konnte zu bemerken, dass mir gestern beim Kochen so einiges
auf dem Hemd gelandet war. Mist, dachte ich und rieb zwecklos an dem
Fleck herum.
Unten auf dem Platz lag immer noch der junge Mann. Zielsicher ging
ich auf ihn zu und stand dann sinnlos neben ihm herum. Polizei war
weit und breit nicht zu sehen.
"He, Sie," sagte ich.
Der Mann rührte sich nicht. Er war ziemlich dünn und sah
eher wie ein Partygänger als wie ein Trinker aus.
"Junger Mann," rief ich etwas lauter. Der Mann lag und atmete
leicht, wie ich an der Bauchdecke erkennen konnte.
Immerhin atmet der noch, dachte ich. Von Polizei war nichts zu sehen.
Die lassen sich aber Zeit, grollte ich. Inzwischen blickten mich einige
Passanten an, als hätte ich dem jungen Mann etwas ins Getränk
geschüttet. Als ich bereits die Tatsache verfluchte, mein Handy
in der Wohnung gelassen zu haben sah ich in der Ferne zwei gelbgrüne
Gestalten, denen ich aufmunternd zuwinkte, bevor sie wieder verschwinden
konnten. Die Polizisten erkannten dies als Signal, sich in meine Richtung
in Bewegung zu setzen. Kurz bevor sie mich erreicht hatten, zogen
sie Gummihandschuhe über.
"He, Sie", riefen die beiden. Das hab ich auch schon probiert,
dachte ich.
Im Gegensatz zu mir waren die Polizisten wesentlich weniger zart besaitet,
mit einigem Rufen und Schütteln hatten sie den Mann dazu bewegt,
sich aufzusetzen.
Das war mein Signal, mich wieder in meine Wohnung und auf den dortigen
Ausblick zu bewegen.
"Haben die ihn mitgenommen?", fragte ich meine Freundin.
"Ne, der ist aufgestanden und hat sein Fahrrad geholt,"
meine Freundin zeigte mit dem Finger auf einen rotblonden Mann, der
wankend ein Fahrrad schob und nun im Begriff war, aufzusteigen.
Mit offenem Mund verfolgte ich, wie der Mann in großen wackeligen
Bögen den Bürgersteig entlangfuhr und dann einen unkontrollierten
Schlenker auf die Fahrbahn machte. Das entgegenkommende Auto konnte
gerade noch bremsen, nur ein Fußgänger war nicht schnell
genug und kollidierte geradewegs mit dem Mann, der nun für kurze
Zeit ein Fahrradfahrer gewesen war.
Jetzt lagen zwei Männer kafkaesk auf dem Rücken, allerdings
auf der Warschauer Straße.
"Jetzt soll mal jemand anders die Polizei rufen," sagte
ich und schloss die Balkontür, um diesen sonnigen Berliner Arbeitstag
endlich zu beginnen.
Meine beste Freundin
Sybille stand vor dem Spiegel. Sie trug ihr neuestes Kleid und starrte
unzufrieden auf ihr Spiegelbild. Das Ding war zu eng. Oder war sie
zu fett? Wahrscheinlich letzteres.
Seufzend legte sie Make-Up auf. Gleich würde Myriam sie abholen.
Ihre beste Freundin Myriam: immer gut gelaunt, immer gut aussehend.
Sie freute sich auf einen Kaffee in der Stadt, im Einstein. Und auf
die neuesten Geschichten aus Myriams aufregendem Leben. Meistens Männergeschichten.
Doch Sybille war nicht neidisch, denn sie liebte es ein wenig ruhiger.
Deshalb hatte sie auch die PR-Stelle in der Diakonie angenommen. Sicherer
Job, sicheres Gehalt.
Und weil sie es ruhig liebte, war sie auch seit 10 Jahren mit Kurt
zusammen. Dem ruhigen Kurt. In der letzten Zeit war Kurt allerdings
ein wenig weniger ruhig geworden. Er hatte sich sogar beim Halbmarathon
angemeldet. Ihre Couchkartoffel Kurt ging jetzt dreimal die Woche
in den Grunewald zum Trainieren, unglaublich. Wahrscheinlich sollte
ich auch etwas mehr für mich tun, dachte Sybille. Doch beim guten
Vorsatz blieb es bei ihr meist. Das wusste Sybille auch selbst ganz
genau, denn Sybille war gedanklich nicht halb so träge, wie es
von außen den Anschein hatte.
Das Café Einstein war wie immer gut besucht, doch Myriam hatte
kurz bei Sven angerufen, dem Kellner, und mit ihrem Charme hatte sie
es wie immer geschafft, auf die Schnelle einen Tisch reservieren zu
lassen.
"Ich bin total geschafft," stöhnte Myriam mit einer
halben Stunde Verspätung und platzierte ihre voll gepackten Einkaufstüten
auf einem der beiden freien Stühle.
"Am Montag muss ich nach Hamburg zum Kunden und da hab ich dringend
noch neue Schuhe gebraucht. Es gibt ja nichts zu Kaufen dieses Jahr."
"Du solltest auch mal mehr aus dir machen," sagte Myriam
mit einem Blick auf Sybilles Jeans und ihre dunkelblaue Bluse.
"Ich geh halt nicht so gern einkaufen," sagte Sybille, die
Probleme hatte, für ihre Figur das Richtige zu finden.
"Also bei Elixia haben sie einen neuen Trainer. Super definierter
Körper, wenn du weißt, was ich meine," sagte Myriam
verschwörerisch. "Ich hab mich sofort zum Personal Training
angemeldet."
"Elixia ist mir zu teuer. Wir wollen doch nächstes Jahr
nach Thailand fliegen, da müssen wir schon ein bisschen sparen,
wenn wir das schaffen wollen. Aber Kurt hat sich das wirklich verdient.
Der Arme macht zur Zeit Überstunden, unglaublich, was die mit
ihren Mitarbeitern anstellen. Das sind echt Ausbeuter."
"Jens hat gesagt, ich müsste noch etwas an meinem BBP-Programm
arbeiten."
"BBP?" fragte Sybille verständnislos.
"Na, Bauch-Beine-Po, du weißt schon," sagte Myriam.
"Wenn man die Problemzonen vernachlässigt, dann rächt
sich das später." Myriam häufte ein großes Stück
von der Blaubeertorte, die sie sich bestellt hatte, auf ihre Gabel.
Ein Mysterium war es, welche Portionen Myriam verschlingen konnte,
ohne zuzunehmen, dachte Sybille. Selbst wenn sie nur die Hälfte
von Myriams kleinen Snacks zu sich nehmen würde, müsste
sie BBP-Programme bis in alle Ewigkeit absolvieren. Im Stillen fragte
sie sich, ob Myriam vielleicht heimlich alles wieder auskotzte. Normal
war das jedenfalls nicht.
"Schatzi, ich muss jetzt leider schon wieder los, ich hab mich
noch zur After-Work-Party verabredet und weiß noch gar nicht,
was ich anziehen soll," flötete Myriam und gab Sybille zwei
dicke Schmatzer auf die Wangen.
"Aber wir wollten doch noch in die Berlin-Tokio Ausstellung.."
sagte Sybille.
"Das nächste Mal vielleicht," Myriam packte ihre beiden
Designer-Einkaufstüten und entschwebte in Richtung Parkhaus.
Sybille zahlte etwas enttäuscht die Rechnung und gab Sven ein
gutes Trinkgeld. Die leben ja eigentlich vom Trinkgeld, dachte sie
immer und konnte sich deshalb nicht dazu durchringen, damit etwas
sparsamer zu sein.
Schnell fuhr sie zur neuen Galeria am Alex und kaufte ein paar leckere
Antipasti für den Abend. Das wird Kurt bestimmt freuen, dachte
sie.
Traurig schaute Sybille auf ihren gedeckten Abendbrottisch. Die Kerzen
waren schon halb herunter gebrannt. Der grüne Salat war welk
und grau. Alleine zu essen hatte sie keine Lust. Wo Kurt wohl blieb?
In der letzten Zeit kam er wirklich immer später nach Hause.
Als Projektmanager in einer Internetfirma konnte es schon einmal länger
dauern, vor allem wenn er nach der Arbeit noch eine Laufrunde absolvierte.
Doch an den letzten gemütlichen Abend mit Kurt konnte Sybille
sich kaum noch erinnern. Sie griff zum Telefon, um Myriams Nummer
zu wählen. Sie wollte Myriam ihr Herz ausschütten, die beste
Freundin wusste sicher einen Rat. Vielleicht sollte sie sich einmal
etwas aufregendes Ausdenken, um Kurt zu überraschen. So rieten
es ja meistens die Frauenzeitschriften, wenn eine Beziehung anfing,
vor sich hinzudümpeln. Sybille gab eigentlich wenig auf solche
Pauschalratschläge, aber sie begann langsam wirklich, sich etwas
Sorgen zu machen. Bei Myriam meldete sich nur der Anrufbeantworter.
"Hallo hier ist Rita, die elektronische Assistentin von Myriam
Flagg, Frau Flagg ist gerade beschäftigt, ruft Sie aber bestimmt
bald zurück."
Myriam schätzt es pompös, dachte Sybille und legte auf,
bevor der Piepton kam.
Als Kurt nach Hause kam, schlief Sybille schon. Am nächsten Morgen
war er müde und etwas grantig, deshalb sprach Sybille nicht über
ihre Idee, einen Kurztrip nach Hamburg zu unternehmen. Vielleicht
am nächsten Wochenende?
Bei der Arbeit war alles wie immer, Sybille überarbeitete einige
Pressetexte und schickte sie an ihre Kontakte bei den Printmedien.
Die Mittagspause verbrachte sie mit ihren Kolleginnen, die sich über
ihre Erlebnisse vom Wochenende austauschten.
Geschafft stieg sie am Abend in ihren kleinen roten Peugeot mit Faltdach.
Sybille liebte es, mit dem Auto ziellos herumzufahren. Sie legte die
neue Regina Spektor in ihren CD-Player. "You are my sweetest
downfall, I loved you first..", sang die schöne Stimme aus
New York. Sybille sang leise mit. Sie kurbelte die Fenster herunter
und genoss den Fahrtwind. Der Kudamm, dieses Relikt aus besseren Zeiten,
war wie leergefegt.
Ihr Blick schweifte über den Boulevard und blieb an einer Person
haften. "Das war doch Kurt," dachte sie. Kurt und eine Frau.
Sie war sich nicht sicher, denn das Paar verschwand schnell in einem
Café. "Was für eine schöne Überraschung,
dachte Sybille, als sie ihren Wagen auf einem der sündhaft teuren
Parkplätze parkte. Als sie ausstieg, begann es zu nieseln. Die
Fenster des Cafés waren hell erleuchtet. Sie musste ein wenig
suchen, bevor sie Kurt an einem der Tische entdeckte, sie wollte gerade
hineingehen, als sie Myriam erkannte. Myriam und Kurt. Was machten
die beiden in einem Café? Und warum hatten sie ihr nicht erzählt,
dass sie sich trafen? Sie sah wie Myriam und Kurt sich verschwörerische
Blicke zuwarfen und wie Myriam ihrem Kurt zart über die Wange
streichelte. Ein feiner Nadelstich durchfuhr ihren Brustkorb und hinterließ
einen brennenden kleinen Schmerz. Jetzt konnte sie sich einiges erklären.
Die Überstunden, das Jogging. Nicht für sie war das gewesen.
Nicht für ihre gemeinsamen Pläne. Und Myriam, diese falsche
Schlange. Sybille ging matt und langsam durch den stärker werdenden
Regen zu ihrem Auto. Sie hätte nie gedacht, dass ihr das einmal
passieren sollte. Gerade deshalb hatte sie sich für Kurt entschieden.
Sie hatte sich Kurt immer ein bisschen überlegen gefühlt
und die Sicherheit genossen, die sich daraus ergab. Der gemütliche
Kurt würde bestimmt keine Affären haben. Eine sichere Bank,
der ideale Vater ihrer Kinder. Sybille liefen stille Tränen über
die Wangen.
Myriam kam pünktlich zum spontan vereinbarten Abendessen. Einem
selbst gemachten Hühnerfrikassee hatte sie noch nie widerstehen
können, das wusste Sybille nur zu gut. "Und, wie läuft
es bei dir so?" fragte sie, nachdem es sich Myriam am Esstisch
im Wohnzimmer bequem gemacht hat.
"Ach, immer dasselbe," sagte Myriam. "Vielleicht sollte
ich mir langsam einen neuen Job suche, bei uns ist es mit den Aufstiegsmöglichkeiten
doch Essig. Und ewig will ich auch nicht im Eventbereich bleiben,
das ist mir auf Dauer dann doch zu stressig. Und Kinder will ich ja
schließlich auch mal, das lässt sich in diesem Job einfach
nicht vereinbaren, bei den Arbeitszeiten."
Sybille hörte mit halbem Ohr zu und häufte zwei große
Portionen Hühnerfrikassee auf die Teller. Sie löste das
Diazepam in warmem Wasser auf und verteilte es sorgfältig in
Myriams Frikassee.
"Guten Appetit," sagte Sybille, als sie Myriam den Teller
hinstellte. Sie hatte den Tisch schön dekoriert, mit weißen
Orchideen. Begräbnisblumen nannte sie Myriam immer. Sybille lächelte
zufrieden, als sich Myriam mit Enthusiasmus über ihr Frikassee
hermachte. Sie schenkte noch ein wenig Riesling nach, den sie auch
für die Sauce verwendet hatte.
"Ich mag gar nicht so viel trinken, ich muss morgen noch ein
Konzept fertig machen, sonst bringt mein Chef mich um."
"Dein Chef nicht.." murmelte Sybille und aß ohne Appetit
ihr Frikassee.
Myriam ließ sich ihr Essen schmecken und erzählte von der
Arbeit und ihren Fitness-Studio Erlebnissen. Unter Sybilles lauernden
Augen schob sie ihren säuberlich aufgegessenen Teller von sich
und schenkte sich noch ein Mineralwasser ein. "Ich weiß,
es ist undankbar, aber ich muss jetzt eigentlich gleich wieder nach
Hause. Ich brauch zur Zeit meinen Schlaf," sagte Myriam.
"Verdammt," dachte Sybille. "Was mach ich, wenn sie
jetzt schon geht?"
"Ich hab uns noch ein leckeres Dessert gemacht, das musst du
versuchen," rief sie aus der Küche. Säuberlich versuchte
sie das Tirami Su aus dem Plastikbecher zu lösen. Richtig selbst
gemacht sah das ja nicht aus, aber bestimmt könnte sie Myriam
damit noch eine Viertelstunde aufhalten, bis das Schlafmittel wirkte.
Und wirklich, während des Desserts redete Myriam immer verworrener.
"Sag mal, kann ich bei dir übernachten?" murmelte sie,
kurz bevor sie vom Stuhl glitt.
Sybille ging um den Tisch und blickte auf ihre beste Freundin. Das
Kostüm war hoch gerutscht und etwas Nachtisch klebte an ihrem
Kinn. Sie nahm eines der Kissen vom Sofa.
"Das sieht nicht gut aus für dich, du verlogene Schlange,"
sagte sie. Bevor sie Myriam das Kissen aufs Gesicht presste, wischte
sie ihr den Nachtisch-Rest vom Kinn. "Ordnung muss sein,"
dachte Sybille und kicherte etwas hysterisch.
Myriam zuckte ein bisschen, aber nicht viel.
Nach einer Ewigkeit nahm Sybille das Kissen wieder weg. Myriam sah
blass und fahl und ganz friedlich aus.
"Mich täuscht du nicht mehr," rief Sybille. Ihr Herz
klopfte bis zum Hals, aber sie spürte noch genug Kraft in sich,
um zu vollenden, was sie begonnen hatte.
Myriam hustete. Sybille fuhr panisch herum. Die lebte ja immer noch!
Schnell setzte sie sich auf Myriams Brustkorb, legte ihre Hände
um Myriams schlaffen Hals und presste mit aller Kraft zu. Sie dachte
an die Kinder, die sie mit Kurt bekommen würde und an die glücklichen
Jahre, die ihr und Kurt bevorstanden.
Es hatte eine Ewigkeit gedauert, bis sie Myriam im Spind in der Garage
untergebracht hatte. Ständig rissen die Müllsäcke ein
und Myriam war wirklich ein schwerer Brocken. Viel schwerer, als sie
gedacht hatte.
Am nächsten Tag kam sie völlig geschafft nach Hause. Das
Haus war dunkel. Mit letzter Kraft legte sie ihre Schlüssel auf
die Kommode im Flur. Sie durfte jetzt nicht nachlassen. Noch war nicht
alles getan. Sie öffnete die Wohnzimmertür. Plötzlich
ging das Licht an. Sybille schrie, wie sie noch nie in ihrem Leben
geschrieen hatte.
"Happy Birthday," brüllte ihr die Versammlung in ihrem
Wohnzimmer entgegen.
Sybille fasste sich an die Brust. Sie glaubte, ihr Herz hätte
ausgesetzt.
"Alles, alles gute mein Schatz," sagte Kurt und gab ihr
einen dicken Kuss auf die Wange.
"Ist das schon heute," stammelte Sybille.
Ihre Freunde amüsierten sich prächtig bei dieser Überraschungs-Geburtstagsfeier.
Es gab Bowle und Kuchen und sogar an ein Buffet war gedacht worden.
Ein DJ legte die größten Hits der 80er auf.
"So kenn ich dich ja gar nicht, Kurt," sagte Sybille. "Soviel
Mühe hast du dir ja noch nie gemacht."
"Dein fünfunddreißigster sollte etwas ganz besonderes
werden," sagte Kurt und blickte ihr tief in die Augen. "Aber
wenn ich ehrlich bin, ohne Myriam hätte ich das nie geschafft.
Wo bleibt die eigentlich? Die wollte doch längst da sein."
All rights reserved: Chio Schuhmacher
